Naturtönigkeit

Der Deutsche Choral wird idealerweise naturtönig gesungen. Dabei benutzt man nicht die temperierten Tonstufen, wie sie auf dem Klavier zu finden sind, sondern jene, die sich natürlicherweise als Obertöne oder Kombinationstöne aus einem Grundton ergeben. Dahinter steht der Gedanke, daß der Kultgesang der Kirche soweit wie möglich dem himmlischen Urbild entsprechen und dem göttlichen Gedanken folgen soll. Aus diesem Grunde werden nicht die künstlichen Tonstufen des modernen temperierten Tonsystems benutzt, sondern jene, die Gott selbst geschaffen hat. So fügt sich der heilige Gesang vollkommen in die Harmonie des Alls und wird in noch höherem Maße zum Widerhall des Gesangs der Engel im oberen Heiligtum.

Um Lehre und Praxis des Kirchengesangs in diesem Sinne zu vervollkommnen, haben die Väter von Buchhagen in den letzten Jahren die Fragen der Naturtönigkeit, und der Harmonik insgesamt, grundlegend aufgearbeitet. Dabei spielt die genaue Bestimmung der Tonweiten der natürlichen Intervalle und ihre mathematische Berechnung eine zentrale Rolle, weil sich in den musikalischen Gesetzmäßigkeiten der Obertonreihe die Bildegesetze der Schöpfung widerspiegeln. Die Obertonreihe entwickelt sich in ganzzahligen Verhältnissen; somit kann jedes Naturintervall durch einen Bruch dargestellt werden; das ist dann der Intervallwert des entsprechenden Tonabstandes. So hat z.B. die Oktave den Intervallwert 1/2, die Quinte 2/3, die lydische Terz 4/5, die aiolische Sexte 5/8, die phrygische Sexte 8/13, die pythagoräische Sekunde 8/9, die dorische Sekunde 7/8 usw. Diese Zusammenhänge, denen noch ein Johannes Kepler (1571-1630) sein Lebenswerk widmete, sind aufgrund der materialistischen Einengung der Weltsicht seit der Aufklärung lange Zeit als „unwissenschaftlich“ abgetan worden. Erst heute, nachdem das kartesianische Weltbild der Moderne nachhaltig erschüttert ist, nicht nur durch die Erkenntnisse der Atomphysik, werden sie in der neuentdeckten Wissenschaft der Harmonik wieder behandelt.

In der Antike waren es vor allem die Pythagoräer, die sich mit harmonikalen Betrachtungen befaßten, wobei sie das Monochord, einen Klangkörper mit einer einzelnen darüber gespannten Saite, die man mittels eines Steges in genau meßbare Abschnitte teilen kann, als Experimentier- und Lehrinstrument benutzten. Die solcherart bestimmbaren natürlichen Intervalle hat im zweiten Jahrhundert n. Chr. der Universalgelehrte Klaudius Ptolemaios von Alexandrien ausführlich beschrieben. Bedeutende frühe Kirchenväter, wie z.B. Clemens von Alexandrien, waren pythagoräisch gebildet, und die Lehre von der Allharmonie war gewissermaßen Gemeingut der frühen Christenheit. Vom hl. Athanasios von Alexandrien stammt das schöne Gleichnis, welches Gott als einen Lyraspieler vorstellt, der durch seine Schöpfung wie auf einer Lyra die wundervollste Musik spielt und so alles in vollkommener und lebendiger Harmonie erhält. Da der für uns Menschen hörbare Bereich nur einen winzigen Ausschnitt dieser umfassenden Allharmonie bildet, die dort erkennbaren Gesetze aber, als Bildegesetze der Schöpfung schlechthin, allgemein gelten, sprach man von der „verborgenen“ Harmonie (harmonia aphanes) der Welt.

Allerdings gab es schon früh Versuche, das Tonsystem gegenüber den natürlichen Gegebenheiten zu vereinfachen, zu „homogenisieren“. Was von Gott als unmittelbare Anschauung, oder besser: Anhörung der Welt gegeben ist, wurde (für das Bewußtsein des Menschen) auf ein abstraktes System reduziert. So hat Aristoxenos von Tarent bereits um 300 vor Christus die „antike Temperatur“ geschaffen, welche die natürlichen Unterschiede zwischen den Tonstufen beseitigt und künstliche, abstrakte Tonstufen definiert, die in der Natur nicht vorkommen, aber einfacher zu handhaben sind.

Aristoxenos teilte die Oktave in 72 Abschnitte, sogenannte Tmémata (zu deutsch: Lütt), so daß sich 12 gleiche Halbtonschritte mit einer Weite von je 6 Tmémata (Lütt) ergeben; es gibt dann nur noch einen Ganzton mit genau 12 Tmémata. Das entspricht völlig dem modernen temperierten Tonsystem (6 aristoxenische Tmémata = 100 Cent).

Im byzantinischen (griechischen) Kirchengesang hingegen wurde und wird, entsprechend der von Ptolemaios herkommenden musiktheoretischen Schule, zwischen einem kleinen, einem großen und einem überweiten Ganzton sowie zwischen verschieden weiten Halbtönen unterschieden, wie es den naturtönigen Verhältnissen entspricht. Die Gregorianik wurde bis ins ausgehende Mittelalter in einer naturtönigen Feinstimmung gesungen, die man pythagoräisch nannte, und die tatsächlich über den gelehrten Boethius auf antike Quellen zurückgeht. Später wurde die Feinstimmung an die gängigen Stimmungssysteme der jeweiligen Epoche angepaßt. Man hat sich in Westeuropa bis in die Barockzeit immer wieder mit Fragen der Feinstimmung (Intonation) beschäftigt und dabei verschiedene Stimmungssysteme entwickelt, bis sich schließlich im 18. Jahrhundert die gleichschwebende Temperatur allgemein durchgesetzt hat. Moderne Lehrbücher des byzantinischen Kirchengesangs geben inzwischen auch rein temperierte Varianten der Kirchentonarten wieder.

Um das musikalische System des Deutschen Chorals eindeutig in der gottgegebenen Naturtönigkeit zu verankern und zugleich auf eine solide wissenschaftliche Grundlage zu stellen, wurden sämtliche Naturintervalle berechnet, die sich aus den ersten 64 Teiltönen ergeben. Das sind rund 700 natürliche Tonstufen innerhalb der Oktave, die musiktheoretisch und in intensiven Klangstudien qualifiziert wurden. Auf dieser Grundlage konnten schließlich, ausgehend von den kirchlich überlieferten Charakteristika und den in der antiken Musiktheorie beschriebenen Qualitäten, die Tonstufen aller acht Kirchentonarten mit größter Präzision bestimmt und entsprechende Tonleitermodelle (Skalen) erstellt werden. Man könnte diese Arbeit als „angewandte Harmonik“ bezeichnen.

Die entsprechenden Tafeln enthalten neben der graphischen Darstellung und den Angaben zur Intervallweite auch die Intervallwerte, so daß jede Tonstufe, vom Grundton aus gesehen, mathematisch eindeutig bestimmt und zahlensymbolisch deutbar ist. Die Intervallweite wird, wie in den traditionellen byzantinischen Musiklehrbüchern, in einem entsprechenden Intervallmaß angegeben. Während die byzantinischen Lehrbücher hierfür Teilungen der Oktave in 68 oder 72 Tmémata (Lütt) benutzen, wurde für unsere Zwecke eine Teilung der Oktave in 70 Lütt zu Grunde gelegt.

Wenn die Sänger nun in der entsprechenden Feinstimmung singen, tritt der Charakter der einzelnen Kirchentonarten viel deutlicher zu Tage, als das in der temperierten Stimmung je der Fall sein könnte. Da sich auf jeder Tonstufe andere Dreiklänge ergeben, mit teilweise veränderten Quinten und unterschiedlichen Terzqualitäten, wirkt der Gesang zunächst ungewohnt. Es entstehen aber letztlich Klänge von hyperboräischer Klarheit und Kraft.

Das Erlernen der naturtönigen Intervalle erfordert freilich einige Übung. Als Hilfsmittel bieten wir ein Rechnerprogramm, mit dem man Naturintervalle berechnen und anhören kann. Es enthält die oben genannte Liste der natürlichen Tonstufen nebst erläuternden Anmerkungen sowie Tabellen mit den Tonstufen sämtlicher Kirchentonarten und zwei Tabellen für Gehörbildungsübungen.

Lehrbuch:

Archimandrit Johannes Abt von Buchhagen, Der Weg zum naturtönigen Kultgesang - das musikalische System des deutschen orthodoxen Kirchengesangs, geistige und geschichtliche Voraussetzungen, Symbolik und die harmonikale Struktur der Obertöne.
(Erscheint voraussichtlich im Herbst 2011)

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