Deutscher Choral - Schöpfung aus dem Wort

Die historisch junge Gesangstradition des heiligen Dreifaltigkeitsklosters ist in Geist und Wesen archaisch. Sie baut auf ältesten christlichen Überlieferungen auf; ihre Wurzeln liegen hauptsächlich im byzantinischen Choral, aber auch in der Gregorianik und weiteren Gesangstraditionen der christlichen Völker. Melos und Rhythmus dieser Gesänge entfalten sich unmittelbar aus dem Wort, konkret aus der Sprachstruktur des Deutschen. Dahinter steht das Urwort, das Ewige Wort selbst (Joh. I, 1-18). Der archaische Charakter des deutschen orthodoxen Kultgesangs gründet, jenseits von Historie, Moderne oder Postmoderne, in der Ewigkeit. Die faszinierende Unmittelbarkeit des Wortes aber gründet in der deutschen Sprache.

Der Deutsche Choral wurde seit etwa 1977 von Altvater Johannes entwickelt. Sein Ziel war, eine Gesangstradition für den orthodoxen Gottesdienst in deutscher Sprache zu finden. Dabei war er, wie viele Musiker vor und nach ihm, zunächst von den Bemühungen um eine „deutsche Gregorianik“ ausgegangen, wie sie in der liturgischen Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts in beiden westlichen Konfessionen eine gewisse Rolle gespielt hatten, und vom russischen Kirchengesang des 19. Jahrhunderts. Sehr bald aber ging er über diese vergleichsweise enge Ausgangsbasis hinaus und suchte nach dem Urbild des sakralen Gesangs schlechthin. Durch die Beschäftigung mit dem altrussischem Choral (snamnije rospev), vor allem aber mit dem byzantinischen Choral seit 1979, weitete sich der Blick erheblich, und damit die Möglichkeiten der Schöpfung einer Choraltradition aus dem Wort, was biographisch durch das Noviziat und das Mönchsleben auf dem Heiligen Berg Athos noch vertieft wurde. Letztlich sind alle irgend zugänglichen alten Gesangstraditionen der christlichen Völker Vorbilder des deutschen Chorals. Freilich stand und steht für Altvater Johannes bei dieser Arbeit immer das Gotteswort im Mittelpunkt, nicht zuletzt in seinen metaphysischen Dimensionen. Urbild des Chorals ist ja der Gesang der Engel. Diesem Urbilde nahezukommen, darin besteht für den orthodoxen Mönch das höchste Streben.

Das Melos des Deutschen Chorals ergibt sich einerseits aus immanenten musikalischen Strukturprinzipien, wie sie im altkirchlichen Choral allgemein gegeben sind (Kirchentonarten, Tetrachordstrukturen, kreisende Bewegungen um feste Zentraltöne, symbolhafte Gesten und Intervalle), andererseits aus der Struktur der Sprache selbst. Betonung, Syntax und Wortmelodie des Deutschen geben die Melosbildung des Chorals vor. Im Choral ist Wort und Melos eins. Eine Choralmelodie mit Text in einer anderen Sprache zu unterlegen ist nicht ohne weiteres möglich, sondern erfordert stets eine musikalische Anpassung und Umgestaltung von der Wortgestalt her.

Die vom Offenbarungsgehalt der heiligen Texte und von der liturgischen Situation herrührende Bewegung des betenden Menschen im Angesicht des lebendigen Gottes steht in dieser Musik nicht im Vordergrund, schwingt aber ganz natürlich mit, gewissermaßen als Sensor für die Entfaltung der Theourgie (Liturgie). Es ist die göttliche Mystagogie selbst, die Hinführung zum Mysterium, geistiger Aufstieg durch überzeitliche Räume und entrücktes Verweilen und Kommunizieren dort, was sich in Spannungsniveau, Ambitus und Stimmung des Chorals widerspiegelt. So ist z.B. das Prokimenon, die liturgische Einleitung zu den Lesungen aus der Heiligen Schrift, musikalisch als Tor ausgebildet, blockhaft und fließend, massive Grenze und Durchgang zugleich. Der cherubische Hymnos zum Beginn der Mysterienliturgie hingegen ist reinster, mantischer Mysteriengesang. Reinigung, Grenzüberschreitung und Erhebung leiten in mehreren Stufen über zur geistigen Schau. Der befreite, erhobene Geist schreitet mit dem Priester, der die heiligen Gaben ins Allerheiligste trägt, hinauf zum oberen Altar.

Schließlich ist Sprache, heilige Sprache zumal, Bild und Widerhall des allerschaffenden Ewigen Wortes, das bei Gott und zugleich Gott ist (Johannesprolog) im Geheimnis der göttlichen Trinität. Dieses Wort ist „Urwort“, vor allen Worten. Es erscheint auch als Proportion, Harmonie, Klang und Melos. So ist der Choral keine bloße „Hinzufügung“ oder „Vertonung“ des Textes, sondern selbst analoger und unmittelbarer Ausdruck des Urwortes, der die Worte der irdischen Sprache füllt, belebt und erhebt, wie die Seele den Leib.